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GEWÖHNLICHE SPINNENSCHILDKRÖTE
PYXIS ARACHNOIDES BELL, 1827

Holger Vetter


Trivialnamen
Deutsch: auch Madagaskar-Spinnenschildkröte, früher auch Gemeine Büchsenschildkröte
Englisch: Malagasy spider tortoise (= Madagassische Spinnen-Landschildkröte), Common spider tortoise (= Gewöhnliche Spinnen-Landschildkröte), Spider tortoise (= Spinnen-Landschildkröte), Madagascan spider tortoise (= Madagassische Spinnen-Landschildkröte), Pyxis tortoise (= Pyxis-Landschildkröte)
Französisch: Pyxide arachnoïde (= Spinnenartige Pyxis), Tortue-araignée (= Spinnenschildkröte)
Italienisch: Pisside
Madagaskar: Kapila, Zakafy (= Mahlzeit), Tsakafy (= Mahlzeit)
Niederländisch: Spinschildpad (= Spinnenschildkröte)
Russisch: Pautschija tscherepacha (= Spinnenschildkröte)
Spanisch: Tortuga de plastron articulado (= Gelenkbauchpanzer-Schildkröte)

Beschreibung
Rückenpanzer gewölbt, ohne Scharnier, mit Einkerbung in der Nackenregion und steil abfallenden, fast parallel verlaufenden Seiten. Hintere Randschilder ungesägt und abwärts gebogen. Nackenschild kann fehlen; wenn vorhanden, dann lang und schmal. Wirbelschilder breiter als lang, ihre Areolen sind leicht erhaben und von deutlichen Wachstumsringen umrahmt. Knöcherne Wirbelplatten achteckig oder quadratisch; zwei Steißplatten vorhanden. Auf jeder Seite elf Randschilder, Schwanzschild ungeteilt. Wirbel- und Rippenschilder dunkelbraun bis schwarz, mit gelben Areolen, von denen strahlenförmig mehrere breite gelbe Streifen ausgehen (auf den Wirbelschildern meist 6-8, auf den Rippenschildern 4-6); diese Zeichnung verblasst mit zunehmendem Alter immer mehr, und sehr alte Tiere besitzen in der Regel einen glatten, gelblichen Rückenpanzer.
Bauchpanzer gut entwickelt, Vorderlappen länger und schmaler als Hinterlappen, läuft nach vorne hin schmal zu. Zwischen Arm- und Brustschildern liegt bei erwachsenen Exemplaren ein mehr oder weniger bewegliches Scharnier; im knöchernen Teil des Bauchpanzers liegt es zwischen Epi- und Hyoplastra und ist entweder im hinteren Bereich des Entoplastrons oder aber hinter dieser Knochenplatte platziert; Scharnier deutlich rudimentär, funktioniert nicht mehr als zuverlässiger Schutz. Hinterlappen des Bauchpanzers breit und sehr kurz, zeigt während der Eiablage ebenfalls eine spontane Beweglichkeit. Einkerbung zwischen den Afterschildern. Kehlschilder paarig ausgebildet, nicht verdickt, ragen bei geöffnetem Bauchpanzerscharnier vorne höchstens ein wenig über den Vorderrand des Rückenpanzers hinaus; deutliche Einbuchtung zwischen den Kehlschildern. Auf jeder der breiten Brücken liegen ein kleines Achselschild und 1-2 größere Hüftschilder. Knöcherne Achsel- und Hüftstreben des Bauchpanzers kurz, erreichen nicht die Rippenplatten des Rückenpanzers. Bauchpanzers einfarbig gelb bis hornfarben oder gelbbraun oder mit wenigen dunklen Tupfen auf den Brücken.
Kopf mittelgroß, Schnauze springt nicht hervor, Oberkiefer mit leichtem Hakenschnabel. Zwischenkiefer- und Oberkieferknochen ohne mittelständige Kauleiste, Kieferränder leicht gezähnelt. Quadratumknochen umschließen nicht die Steigbügel. Öffnungen im vorderen Bereich des Palatinumknochens groß. Einzigartig ist der Bau der Halswirbel: sie sind mit Ausnahme des Atlas entweder alle procoel ausgebildet (d. h. vorne konkav eingebuchtet und hinten konvex gewölbt), oder aber, was meist der Fall ist, der zweite Halswirbel ist beidseitig konvex; ERNEST WILLIAMS fand bei 88 von ihm untersuchten Exemplaren bei sieben Tieren den ersten, bei den restlichen 81 Schildkröten den zweiten Typ vor. Bei anderen Schildkrötenarten stellen beide Möglichkeiten eine selten auftretende Abnormalität dar. Kopf überwiegend schwarz, mit einigen gelben Flecken.
Beine keulenförmig, Vorderfüße mit fünf Krallen. Vorderseite der Vorderbeine mit 7-8 Längsreihen großer, einander nicht überlappender Schuppen bedeckt. Spornartige Schuppen auf den Fersen der Hinterfüße, auf den Oberschenkeln einige stumpfe Hornkegel. Vorderseite der Hinterbeine mit einer Längsreihe großer, einander nicht überlappender Schuppen bedeckt. Schwanz nicht deutlich abgeflacht. Schwanzspitze mit stachelförmiger Hornschuppe versehen. Beine und Schwanz an den Außenseiten gelblichbraun, an den Innenseiten schwarz gefärbt.

Größe
Pyxis arachnoides erreicht eine Rückenpanzerlänge von bis zu etwa 15 cm und ein Gewicht von bis zu ca. 550 g.

Geschlechtsunterschiede
Männliche Gewöhnliche Spinnenschildkröten besitzen einen längeren, dickeren Schwanz als ihre weiblichen Artgenossen; der Hornnagel an der Schwanzspitze ist bei männlichen Exemplaren kräftiger entwickelt. Der Rückenpanzer der Weibchen ist rundlicher und oberseits abgeflacht, der der Männchen stärker gewölbt und seitlich eingedrückt; bei letzteren wird er vom 8. Randschild ab rückwärts breiter und aufgewölbter.
Möglicherweise werden weibliche Tiere etwas größer als ihre männlichen Artgenossen. JESU UND SCHIMMENTI nannten für die von ihnen untersuchte Population von Pyxis arachnoides arachnoides folgende Durchschnittswerte: Weibchen: 12,2 ± 1,4 cm (Länge), 8,2 ± 0,7 cm (Breite) und 6,5 ± 0,8 cm (Höhe); die entsprechenden Zahlen lauteten für die männlichen Schildkröten 11,6 ± 1,1 cm, 7,7 ± 0,7 cm und 6 ±0,5 cm. Das größte Weibchen war 14,5 cm lang, 9,2 cm breit und 7,8 cm hoch, das größte männliche Exemplar zeigte Maße von 13,2, 8,2 und 6,6 cm.
JESU UND SCHIMMENTI ermittelten bei der von ihnen untersuchten Population ein Geschlechterverhältnis von etwa 1:1, MALZY stellte bei 25 von ihm beobachteten Tieren ein Verhältnis von einem Männchen auf 1,3 Weibchen fest.

Verbreitung
Die Gewöhnliche Spinnenschildkröte besiedelt einen schmalen (landeinwärts 10-50 km) Küstenstreifen im Süden Madagaskars, etwa vom Mahajamba-Fluss bei Morombe im Norden über das Kap Sainte-Marie bis Amboasary in der Nähe der Stadt Faradofay im Süden.
GERALD KUCHLING fand im Dezember 1984 in der Nähe des Dorfes Taranta an der Bucht von Baly, etwa 10 km nordwestlich der Stadt Soalala, also weit nördlich der bisher angenommenen nördlichen Verbreitungsgrenze der Art, ein erwachsenes Weibchen und die Spuren einer weiteren kleinen Schildkröte. Andere erfahrene Forscher vor und nach ihm konnten jedoch trotz intensiver Suche niemals Pyxis arachnoides nördlich von Morombe entdecken. Nur SIEBENROCK hatte bereits 1906 über ein Vorkommen in der Umgebung von Maintirano berichtet. Gegen eine eventuelle Verwechslung mit der ähnlichen Pyxis planicauda spricht die Tatsache, dass das von KUCHLING untersuchte Weibchen ein bewegliches Bauchpanzerscharnier besaß, das der Flachrücken-Spinnenschildkröte fehlt; allerdings weist auch die nördlichste Unterart der Gewöhnlichen Spinnenschildkröte, die ja am ehesten in Soalala zu erwarten wäre, kein bewegliches Scharnier auf. Das mögliche Vorkommen der Art nördlich von Morombe ist also nach wie vor geheimnisumwittert, wegen der schweren Auffindbarkeit von Pyxis arachnoides, zumindest während der Trockenzeit, aber nicht völlig auszuschließen. Die Beweglichkeit des Bauchpanzerscharniers des aufgefundenen Weibchens lässt jedoch vermuten, dass es sich um ein von Menschen mit einem Schiff entlang der Küste verschlepptes Exemplar der südlichsten Unterart, Pyxis arachnoides oblonga, handelte, wie auch der französische Schildkrötenspezialist ROGER BOUR meint.
Verschiedentlich wird von einem Vorkommen bei Soalala an der Westküste Madagaskars, weitab des bisher bekannten Verbreitungsgebietes, berichtet, doch konnte dies bisher noch nicht definitiv bestätigt werden; möglicherweise kommt ja die ähnliche Pyxis planicauda dort vor.

Unterarten
Momentan werden drei Unterarten anerkannt:

1) ONILAHY-SPINNENSCHILDKRÖTE
PYXIS ARACHNOIDES ARACHNOIDES BELL, 1827
Originalbeschreibung: On two new genera of land tortoises.- Transactions of the Linnean Society of London, 15: S. 395
Originalname: Pyxis arachnoides BELL, 1827
Syntypen: zwei Exemplare, Nummern 1092 und 8528 im Oxford University Museum in Oxford, Großbritannien und Nordirland. Der französische Schildkrötenspezialist ROGER BOUR bestimmte 1978 Nummer 1092 zum Lectotypus
Terra typica: Nicht angegeben
Terra typica designata (BOUR, 1978): Soalara (Baie du Saint-Augustin), sud-ouest de Madagascar (= Soalara an der Bucht von Saint-Augustin, Provinz Toliara, Madagaskar)
Etymologie: arachnoides = (gr.) spinnenartig; bezieht sich auf die spinnennetzartige Panzerzeichnung dieser Art
Englisch: Common spider tortoise (= Gewöhnliche Spinnen-Landschildkröte)
Französisch: Pyxide arachnoïde commune (= Gewöhnliche Spinnenartige Pyxis)
Beschreibung: Bauchpanzer einfarbig gelb bis hornfarben oder gelbbraun; Bauchpanzerscharnier einigermaßen beweglich; Kehlschilder deutlich nach vorne hervorstehend; Achselschilder nur wenig länger als breit.
Verbreitung: Diese Unterart lebt entlang der Südwestküste Madagaskars im Bereich des Onilahy-Flusses in der Umgebung der Stadt Toliara, der ihr Verbreitungsgebiet in einen nördlichen und einen südlichen Teil zerschneidet. Das Areal reicht im Norden bis zum Manombo-Fluss, im Süden etwa bis zum Tsimanampetsotsa-See.

2) MOROMBE-SPINNENSCHILDKRÖTE
PYXIS  ARACHNOIDES BRYGOOI (VUILLEMIN und DOMERGUE, 1972)
Originalbeschreibung: Contribution a l’étude de la faune de Madagascar: description de Pyxoides brygooi n. gen. n. spec. (Testudinidae).- Annales d’Université de Madagascar, Série des Sciences Naturelles et de Mathématique, Tananarive, 9: S. 193
Originalname: Pyxoides brygooi VUILLEMIN und DOMERGUE, 1972
Syntypen: Nummer A.277 im Muséum National d’Histoire Naturelle in Paris, Frankreich
Terra typica: C’est sur la côte Sud-Ouest entre Morombe et Tuléar, aux alentours du lac Ihotry, dans la forêt de Mikea (= Wald von Mikea in der Umgebung des Ihotry-Sees zwischen Morombe und Toliara, Provinz Toliara, Madagaskar)
Terra typica restricta (BOUR, 1978): Ampanonga (N. W. Lac Ihotry), sud-ouest de Madagascar (= Ampanonga am Nordwestufer des Ihotry-Sees, Provinz Toliara, Madagaskar)
Etymologie: brygooi = benannt nach ÉDOUARD-RAOUL BRYGOO, einem französischen Herpetologen, der sich um die Erforschung der madagassischen Herpetofauna verdient gemacht hat.
Englisch: Northern spider tortoise (= Nördliche Spinnen-Landschildkröte)
Französisch: Pyxide arachnoïde du Nord (= Nördliche Spinnenartige Pyxis)
Beschreibung: Bauchpanzer mit vereinzelten schwarzen Flecken. Bauchpanzerscharnier unbeweglich, Kehlschilder nur leicht nach vorne hervorstehend. Achselschilder deutlich länger als breit.
Nomenklatur: Diese Form wurde von VUILLEMIN und DOMERGUE aufgrund ihres unbeweglichen Bauchpanzerscharniers ursprünglich als eine eigenständige Art einer neuen Gattung unter der Bezeichnung Pyxoides brygooi beschrieben.
Verbreitung: Pyxis arachnoides brygooi ist im Norden des Artareals verbreitet. Man findet sie südwestlich des Mangoky-Flusses in der Region zwischen der Stadt Morombe, dem Ihotry-See und der Bucht von Fanemotra.

3) ANONY-SPINNENSCHILDKRÖTE
PYXIS ARACHNOIDES OBLONGA GRAY, 1869
Originalbeschreibung: Notes on the families and genera of tortoises (Testudinata), and on the characters afforded by the study of their skulls.- Proceedings of the Zoological Society of London: S. 173
Originalname: Pyxis oblonga GRAY, 1869
Holotypus: Nummer 1861.3.20.31 im Natural History Museum in London, Großbritannien und Nordirland
Terra typica: nicht angegeben
Terra typica restricta (BOUR, 1982): Cap Sainte-Marie, province du Tuléar, sud de Madagascar (= Kap Sainte-Marie, Provinz Toliara, Madagaskar)
Etymologie: oblonga = (lat.) länglich; bezieht sich auf die längliche Panzerform dieser Art
Englisch: Southern spider tortoise (= Südliche Spinnen-Landschildkröte)
Französisch: Pyxide arachnoïde du Sud (= Südliche Spinnenartige Pyxis)
Nomenklatur: Der französische Schildkrötenspezialist ROGER BOUR untersuchte im Jahre 1978 die geographische Variabilität der Gewöhnlichen Spinnenschildkröte und beschrieb die Anony-Spinnenschildkröte als eigenständige Unterart mit dem Namen Pyxis arachnoides matzi. Wenig später stellte sich jedoch heraus, dass sich der bereits 1869 von JOHN EDWARD GRAY geprägte Name Pyxis oblonga ebenfalls auf diese Population bezog und nach den Regeln der zoologischen Nomenklatur somit Priorität genießt.
Beschreibung: Bauchpanzer mit vereinzelten schwarzen Flecken. Bauchpanzerscharnier sehr gut beweglich, kann vollständig geschlossen werden. Kehlschilder nur leicht nach vorne hervorstehend. Achselschilder breiter als lang.
Verbreitung: Die Anony-Spinnenschildkröte besiedelt den Süden des Verbreitungsgebietes der Art. Ihre Heimat ist die Südküste Madagaskars zwischen dem Linta-Fluss im Westen und dem Anony-See bei Amboasary  im Osten; am häufigsten tritt sie jedoch etwa zwischen den Städten Ambovombe und Lavanono auf. Landeinwärts dringt die Unterart etwa bis zur Stadt Tsihombe vor.

Lebensraum
Pyxis arachnoides ist eine Bewohnerin sandiger Böden in trockenen und halbtrockenen Dornbusch- und Halbwüstengebieten und dringt teilweise bis zu den spärlich bewachsenen Sanddünen in Meeresnähe vor. Auf letzteren wächst eine niedrige Buschvegetation im oberflächlich humusfreien und auch während der Regenzeit fast immer trockenen Sand; die Schildkröten sind hier auf den freien Flächen zwischen den Büschen aktiv und suchen in den spärlich mit Gras bewachsenen Senken nach Nahrung. Dieser Lebensraum in den Sanddünen ist extrem trocken, da der wasserdurchlässige Sandboden einer starken Sonneneinstrahlung ausgesetzt ist und die niedrigen Büsche kaum Schatten werfen; die täglichen Temperaturschwankungen sind geringer als in weiter landeinwärts gelegenen Regionen, da die Nähe des Meeres und die Seebrise ausgleichend wirken.
Das Klima im Verbreitungsgebiet der Gewöhnlichen Spinnenschildkröte ist semiarid und tropisch heiß, die jährliche Regenzeit währt nur 1-4 Monate. Dominierende Vegetationsform sind hier blattlose, stachelige oder sukkulente Pflanzenarten, so die für Madagaskar endemischen, d. h. nur hier vorkommenden Euphorbien und Didieraceen sowie die für weite Teile Afrikas typischen Affenbrotbäume.
Im südlichsten Teil des Verbreitungsgebietes werden die Niederschläge extrem unregelmäßig und fallen in Form sehr lokaler Gewitterregen. Einzelne Gebiete erhalten für 12-18 Monate überhaupt keinen Regen. Der Boden ist dann so hartgebacken, dass die ersten Regenfälle kaum abfließen können; so sah KUCHLING im Dezember 1985 eine Dornbuschlandschaft zwischen Ampanihy und Tsihombe nach einem Gewitterregen für ein paar Stunden tatsächlich unter Wasser stehen. Oft fällt so die gesamte Niederschlagsmenge eines Jahres oder sogar von eineinhalb Jahren aufgrund eines Zyklons innerhalb weniger Stunden.
JESU und SCHIMMENTI beobachteten, dass bei der von ihnen in der Umgebung von Anakao südlich des Onilahy-Flusses untersuchten Population der Nominatform hauptsächlich männliche Tiere auf Sanddünen beobachtet wurden, doch konnte noch nicht ermittelt werden, ob dies tatsächlich auf unterschiedliche Lebensgewohnheiten der Geschlechter zurückzuführen sein könnte.
Die auf den ersten Blick ziemlich auffällige Panzerzeichnung dieser Art stellt im natürlichen Biotop mit Schatten, trockenem Unterholz und Falllaub eine so hervorragende Tarnung dar, dass man davon ausgehen kann, dass die Tiere auch oft übersehen werden. Am leichtesten entdeckt man die Tiere, indem man nach den typischen Spuren im Sand sucht, die direkt zu ihren Ruheplätzen führen. Der Sand ist auch nach ergiebigen Regenfällen noch sehr locker, sodass die Spuren auch dann noch zu sehen sind.

Populationsdichte
Die von JESU UND SCHIMMENTI untersuchte Population wies eine relativ hohe Dichte von mindestens drei Schildkröten pro Hektar auf, doch ist diese Zahl so lange nicht aussagekräftig, solange nicht genauere Daten zur Biologie der Art, insbesondere zu Territorialität und möglichen saisonbedingten Wanderungen, vorliegen. In manchen potentiellen Habitaten fehlt die Art offenbar ganz, während die Individuendichte in anderen Regionen dagegen manchmal relativ hoch ist.

Jahresaktivität
Die relativ kühle Trockenzeit, die von März bis Dezember andauern kann, verbringen die Tiere größtenteils panzertief vergraben im Sandboden unter Sträuchern, vertrockneten Grasbüscheln und anderen geschützten Stellen. Hier harren sie wochen- oder gar monatelang ohne Nahrungsaufnahme aus. Möglicherweise hat das Bauchpanzerscharnier nicht nur Schutzfunktion gegen Raubfeinde, sondern wirkt im verschlossenen Zustand auch als Verdunstungsschutz; dafür spricht, dass das Scharnier nur bei den beiden Unterarten beweglich ist, die im trockensten Bereich des Verbreitungsgebietes leben.
Während der kurzen, nur ein- bis viermonatigen Regenzeit, wenn die Temperaturen nachts nicht mehr stark absinken, fällt der größte Teil der jährlichen Niederschläge in Höhe von ca. 400-500 mm. Innerhalb dieses Zeitraumes, dem Sommer der Südhalbkugel, sind die Schildkröten weitaus aktiver als in der Trockenzeit. Mit Einsetzen der ersten Regenfälle tauchen die Tiere plötzlich in größerer Zahl auf und trinken ausgiebig, um sich anschließend an den keimenden Pflanzen gütlich zu tun, die nun innerhalb weniger Tage aus dem Boden „schießen“. Auch Paarungen finden sofort zu Beginn der Regenzeit statt. KUCHLING beobachtete die Spinnenschildkröten im Dezember und Januar auf den Freiflächen zwischen den Büschen in den bewachsenen Sanddünen entlang der Küste bei Beheloka, südlich von Toliara am Kap Faux. Die Tiere suchten in den spärlich mit Gras bewachsenen Senken nach Nahrung.

Tagesaktivität
Während der Regenzeit sind die Schildkröten an sonnigen Tagen etwa von 6-9 und 16.30-18 Uhr aktiv, an bedeckten Tagen ziehen sie sich nur während der heißesten Mittagszeit unter Wurzeln, Falllaub und Steinhaufen zurück. Stärkere Windböen führen dazu, dass sich die Tiere sofort an ihre Ruheplätze flüchten. Während der Trockenzeit sind nur einzelne Tiere manchmal morgens zwischen 6 und 8 Uhr und nachmittags zwischen 17 und 18 Uhr an der Erdoberfläche anzutreffen. An bewölkten Tagen oder während vereinzelter Regenfälle sind sie jedoch auch während der Trockenzeit ganztägig aktiv anzutreffen, was bei der Seltenheit der Regenfälle im Süden des Verbreitungsgebietes auch nicht anders zu erwarten ist.

Fortpflanzung
Die Fortpflanzungsbiologie der Gewöhnlichen Spinnenschildkröte ist noch weitgehend unbekannt. Paarungen finden in der Regenzeit statt.
Das Gelege der Gewöhnlichen Spinnenschildkröte besteht aus einem einzigen Ei, welches 3,3-3,5 x 2,5-3,0 cm misst und etwa 13-20 g wiegt. Die Anzahl der Gelege pro Saison ist aus natürlichen Vorkommen nicht bekannt, unter Terrarienbedingungen fanden jedoch schon bis zu drei Eiablagen pro Weibchen und Jahr statt.
Der Schlupf erfolgt offenbar zu Beginn der Regenzeit nach etwa 220-250 Tagen, wenn die kleinen Schildkröten auch in den trockensten Regionen des Verbreitungsgebietes genug frische Pflanzennahrung finden. Frisch geschlüpfte Jungtiere wurden bisher von Februar bis Ende April gefunden. Sie sind etwa 4,5 cm lang und 16 g schwer.

Wachstum
Ein bei HÖNIGSBERGER im Inkubator geschlüpftes Jungtier wog im Alter von zwei Monaten bereits 20 g. Nach Angaben von PAULL entwickeln Jungtiere der Nominatform ihr Bauchpanzerscharnier mit einer Rückenpanzerlänge von etwa 7,6-8,3 cm.

Ernährung
Pyxis arachnoides ernährt sich hauptsächlich von Gräsern, Kräutern und den frischen Trieben sukkulenter Pflanzen, aber offenbar auch von Insekten. KUCHLING beobachtete einige Exemplare beim Verzehr trockenen Kuhmists; möglicherweise befanden sich im Kuhmist verschiedene Insektenlarven.

Gefährdung
Pyxis arachnoides fällt in die Gefährdungskategorie „Vulnerable“ (= „Anfällig“) des Rotbuches der IUCN (= Internationale Naturschutzunion). Mittelfristig besteht demnach für die Spinnenschildkröte die große Gefahr des Aussterbens in der Natur. Das potentielle Verbreitungsgebiet umfasst eine Fläche von weniger als 20.000 km², und von den bekannten Populationen wird ein Areal von insgesamt weniger als 2.000 km² Ausdehnung besiedelt, wobei beide Schätzungen zufolge auch weiterhin schrumpfen; auch ein weiterer Verlust an Populationen und geeigneten Lebensräumen wird erwartet. Insgesamt ist das Verbreitungsgebiet der Art stark fragmentiert; möglicherweise existieren inzwischen höchstens noch zehn Populationen. Zumindest nördlich des Onilahy-Flusses ist die Art allerdings noch recht häufig, wenn auch nur lokal anzutreffen.
Die ursprüngliche Größe des Verbreitungsgebietes und der Populationen der Art ist nicht bekannt, doch gehen die heutigen Bestände durch die fortschreitende Umweltzerstörung und die mittelfristig damit verbundene Klimaveränderung im Süden Madagaskars vermutlich immer mehr zurück. Da ihre Lebensräume z. T. sehr trocken sind, hatte die Art zwar weniger unter der Viehwirtschaft zu leiden als andere madagassische Landschildkrötenarten, doch zwingt die Armut der einheimischen Bevölkerung, der Mahafaly und Antandroy, die Leute zur Verarbeitung der Sukkulentengehölze zu Bauholz und Holzkohle sowie zur Brandrodung zwecks der Gewinnung von landwirtschaftlichen Flächen. Die Bevölkerungsexplosion auf Madagaskar (ca. 80 % der Bevölkerung sind jünger als 20 Jahre) wird die Zerstörung des „Dornenlandes“ noch beschleunigen, was mittelfristig auch zu Klimaveränderungen und zu Störungen des Wasserhaushaltes auf der Insel führen wird. Die Niederschläge im ohnehin trockenen Süden des Landes werden noch seltener werden und unregelmäßiger fallen. Da (nicht nur) bei den Spinnenschildkröten die Fortpflanzungsperiodik an jahreszeitliche Zyklen gekoppelt ist, kann dies zum Ausfall kompletter Jahrgänge führen.
JESU UND SCHIMMENTI fanden vom 5. bis 12.2.1995 in der Umgebung des Dorfes Anakao 67 Exemplare von Pyxis arachnoides arachnoides, von denen allerdings nur jeweils ein Exemplar im Schlüpflings- bzw. im Jungtieralter waren. Da beide Forscher davon ausgehen, dass sie in der offenen Landschaft kaum eine Schildkröte übersehen haben und die Jungtiere auch nicht weniger aktiv sind als ihre erwachsenen Artgenossen, gehen sie davon aus, dass zahlreiche Gelege und Jungtiere den vom Menschen hier eingeführten Larvenschweinen (Potamochoerus larvatus) zum Opfer fallen. Keines der von JESU UND SCHIMMENTI untersuchten Tiere zeigte Verletzungen durch Schweine oder Feuer auf, doch konnten an zwei Exemplaren verheilte Panzerbrüche nachgewiesen werden, die den Tieren vermutlich durch Menschen beigebracht worden waren; zwei weitere, vermutlich absichtlich erschlagene Schildkröten, wurden ein paar hundert Meter außerhalb des Dorfes gefunden. Außerdem fangen die Angehörigen des einheimischen Vezo-Stammes regelmäßig junge Spinnenschildkröten, um sie den Touristen als „Souvenir“ anzubieten; für jedes exportierte Exemplar erhob Madagaskar noch in den 80er Jahren eine Ausfuhrsteuer in Höhe von 5.000 FMG.
Das Absammeln der Tiere für den nationalen und internationalen Tierhandel wird immer mehr zum Problem; in den USA z. B. werden mittlerweile für erwachsene Tiere Preise von bis zu 2.000 $ bezahlt. Das Land führte zuvor von 1989 bis Mitte 1994 gerade einmal ein Exemplar im Handelswert von 100 US-$ ein. Spinnenschildkröten werden bereits im Internet zum Kauf angeboten. Am 21.1.1991 wurden am Münchner Flughafen Riem im Reisegepäck eines über Zürich aus Madagaskar heimkehrenden deutschen Touristen zwischen der Schmutzwäsche mehrere madagassische Schlangen entdeckt und beschlagnahmt. Im Laufe der sofort anlaufenden Ermittlungen der Zollfahndung wurden nach Hinweisen auf einen professionell agierenden Schmugglerring bei Hausdurchsuchungen unter anderem vier Pyxis arachnoides gefunden. Die Tiere waren unmittelbar zuvor illegal über Zürich nach München eingeführt worden. Nach Überwindung aller behördlichen Hürden gelang es dem WWF-Deutschland mit Unterstützung der Air Madagascar, die Schildkröten nach Madagaskar rückzuführen. Bis zum Rücktransport am 23.3.1991 wurden die Tiere in vorbildlicher Weise in der Zoologischen Staatssammlung München gepflegt und medizinisch versorgt. Noch im April 1991 wurden die Schildkröten von Mitarbeitern des WWF-Madagaskar in den Trockenwäldern des Südens ausgesetzt. Im Mai 1999 wurden 450 Schildkröten am französischen Flughafen Roissy beschlagnahmt, darunter 330 Spinnenschildkröten aller Altersklassen. Einige der Schildkröten waren bereits bei ihrem Eintreffen am Flughafen tot oder lagen im Sterben. Die überlebenden Tiere befanden sich in einem schlechten Zustand und waren stark ausgetrocknet. 318 Exemplare wurden in die Obhut der Schildkrötenschutzorganisation A Cupulatta auf Korsika übergeben. Hier werden die Schildkröten mühsam wieder aufgepäppelt. Am 5.8.1999 wurde nach fünfjähriger Fahndung der Tierhändler TOMMY EDWARDS CRUTCHFIELD auf dem Flughafen von Miami verhaftet; er ist eine der Hauptfiguren im illegalen Reptilienhandel zwischen Madagaskar und Deutschland, Kanada sowie den USA.
In manchen Städten, so etwa im Hafen von Toliara, spielt Pyxis arachnoides auch eine gewisse Rolle im Tauschhandel, doch scheint die Art nur sehr selten verzehrt zu werden. Die Gewöhnliche Spinnenschildkröte wird hin und wieder von Waldarbeitern über offenem Feuer gebraten und gegessen („Zakafy“ = „Mahlzeit“), bisher aber nicht in einem Umfang, der bedrohlich für die Bestände gewesen wäre. In der Umgebung von Morombe spielt Pyxis arachnoides brygooi nach der lokalen Ausrottung der Strahlenschildkröte (Astrochelys radiata) in neuerer Zeit jedoch offenbar eine große Rolle in der menschlichen Ernährung; es besteht die Gefahr, dass sich dies auch auf andere Gebiete, in denen die Strahlenschildkröte seltener wird, ausweiten wird. So ist es bereits in Toliara und Faradofay problemlos möglich, Spinnenschildkröten als Festmahlzeit zu erwerben. Die Tiere werden auf Märkten, in Hotels und an Tankstellen zu Preisen von umgerechnet etwa 60 Pfennigen bis 8.- DM angeboten.

Schutzmaßnahmen
Die Art steht in Anhang II des Washingtoner Artenschutzübereinkommens und Anhang B der Verordnung Nr. 338/97 der Europäischen Union und fällt daher unter das Bundesnaturschutzgesetz und die Bundesartenschutzverordnung. Für den deutschen Halter bedeutet dies: Der Besitz, der Kauf und die kommerzielle Vermarktung von Gewöhnlichen Spinnenschildkröten sind grundsätzlich verboten. Eine Ausnahme hiervon ist nur unter bestimmten Voraussetzungen, hauptsächlich für in der EU gezüchtete oder rechtmäßig aus Drittländern in die EU gelangte Exemplare, möglich. Gewöhnliche Spinnenschildkröten dürfen nur nach vorheriger Erteilung einer Einfuhrgenehmigung durch das Bundesamt für Naturschutz in Bonn importiert werden. Wildfänge und Nachzuchten dürfen mit den entsprechenden Dokumenten importiert werden, soweit keine wissenschaftlichen Gründe (Bestandssituation, Haltungsbedingungen u. a.) dagegen sprechen. Die Einfuhrgenehmigung ist an die entsprechenden Ausfuhrdokumente des Exportstaates (CITES-Bescheinigung) gebunden. Die Einfuhrgenehmigung und die Dokumente des Herkunftslandes sind der zuständigen Zollstelle bei der Abfertigung vorzulegen. Durch EU-Verordnung Nr. 1968/99 ist die Einfuhr sowohl lebender als auch toter Wildfänge in die Mitgliedsländer der Union inzwischen völlig untersagt. Die Haltung ist nach der Bundesartenschutzverordnung nur sachkundigen Personen erlaubt, die eine den Ansprüchen der Tiere entsprechende Unterbringung gewährleisten können. Die Schildkröten müssen zudem bei den nach Landesrecht zuständigen Behörden gemeldet (und gegebenenfalls abgemeldet) werden.
Für die Beförderung und Vermarktung von Gewöhnlichen Spinnenschildkröten innerhalb der EU ist eine CITES-Bescheinigung nicht vorgeschrieben; der Besitzer kann eine solche Schildkröte abgeben, wenn der Empfänger über die entsprechende Sachkunde verfügt. Damit der rechtmäßige Erwerb nachgewiesen werden kann, muss der neue Besitzer über entsprechende Belege verfügen. Auf jeden Fall sollte die Herkunft des betreffenden Tieres oder, soweit für die Schildkröte ein CITES-Dokument ausgestellt wurde, ein Bezug zu diesem im Kaufvertrag festgehalten bzw. vom bisherigen Besitzer in einer schriftlichen Erklärung bestätigt werden.
Für die Ausfuhr aus der EU ist ein CITES-Dokument als Legalitätsnachweis für den rechtmäßigen Erwerb erforderlich; dem Zoll sind dann außerdem eine Ausfuhrgenehmigung oder eine Wiederausfuhrbescheinigung (zu erteilen durch das Bundesamt für Naturschutz) vorzulegen. Grundsätzlich ist eine tierschutzgerechte Versendungsform zu gewährleisten.
Die für die Land- und Süßwasserschildkröten zuständige Spezialistengruppe der IUCN führt die Gewöhnliche Spinnenschildkröte in Kategorie 3 ihres Aktionsplans. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass Pyxis arachnoides zumindest in Teilen ihres Verbreitungsgebietes gefährdet ist, doch fehlen zur Untermauerung dieser These und zur damit verbundenen Einstufung in eine höhere Kategorie des Aktionsplanes noch die notwendigen Daten.
In Madagaskar selbst sind Ausfuhr und Verzehr der Art inzwischen ebenso wie eine extensive Brandrodung offiziell verboten; die Haltung der Schildkröten innerhalb des Landes ist nur mit behördlicher Genehmigung erlaubt. Einen gewissen Schutz erfährt Pyxis arachnoides auch durch die Unfruchtbarkeit, Niederschlagsarmut, Rauheit und Unwirtlichkeit ihres sehr trockenen Lebensraumes, da hier die menschliche Bevölkerungsdichte relativ niedrig ist. Außerdem gibt es auch Vorkommen der Gewöhnlichen Spinnenschildkröte im Naturreservat um den Tsimanampetsotsa-See. Wünschenswert wären weitere Feldstudien zu Biologie, Verbreitung und Gefährdung der Gewöhnlichen Spinnenschildkröte. Als weitere Schutzmaßnahme sollte die Unterschutzstellung größerer Teile des Artareals in Erwägung gezogen werden.
SOPTOM, die bekannte französische Schildkrötenschutzorganisation, die bereits verschiedene Projekte in Frankreich und Senegal betreibt, plant für die Zukunft die Einrichtung einer Schildkrötenzuchtstation in der Umgebung von Toliara, praktisch als Gegenstück zur Forschungsstation in Ampijoroa, die sich der Erforschung, dem Schutz und der Zucht der Madagassischen Schnabelbrustschildkröte (Astrochelys yniphora) und Flachrücken-Spinnenschildkröte (Pyxis planicauda) (zukünftig auch der Madagassischen Schienenschildkröte, Erymnochelys madagascariensis) verschrieben hat. Die Station in Toliara soll sich vor allem dem Wohl der Gewöhnlichen Spinnenschildkröte und der im gleichen Gebiet vorkommenden Strahlenschildkröte (Astrochelys radiata) widmen. Dieses „Schildkrötendorf“ hätte folgende Aufgaben:

Die Finanzierung der Station wird anfangs von SOPTOM übernommen, verschiedene britische, US-amerikanische und französische Organisationen haben ebenfalls ihre Bereitschaft zur finanziellen Unterstützung signalisiert. Bei der Europäischen Union wurden Gelder aus dem Fonds zur Unterstützung von Naturschutzarbeit in Entwicklungsländern beantragt. Geplant ist die Schaffung eines Lenkungskommittees mit solch prominenten Mitgliedern wie GERALD KUCHLING, LEE DURRELL, JOHN BEHLER, ROGER BOUR und LÉON RAZAFINDRAKOTO, die die wissenschaftliche Arbeit des Zentrums koordinieren sollen. In Madagaskar selbst wurden bereits wichtige Kontakte geknüpft. FLEURETTE ANDRIANTSILAVO von der zuständigen Fischerei- und Forstbehörde signalisierte ihre Unterstützung für das Projekt. Sehr wichtig ist auch der Kontakt mit dem bereits erwähnten LÉON RAZAFINDRAKOTO, dem bisher einzigen Wissenschaftler, der Astrochelys radiata in Zusammenarbeit mit der Universität von Madagaskar längere Zeit in ihrem Lebensraum nordöstlich von Toliara studierte. Nicht nur seine daraus resultierenden Kenntnisse, sondern auch seine Kontakte zu Wissenschaftlern und Beamten in der Hauptstadt sind für das Projekt von großer Bedeutung. Zwar lebt er z. Zt. in Frankreich, wo er am Institut Rural de Bois Duplé unterrichtet, doch begleitete er im April 1998 den Generalsekretär von SOPTOM nach Madagaskar, um ihn bei seinen Gesprächen mit den zuständigen Behörden und Institutionen zu unterstützen. Alle Kontakte erwiesen sich als außerordentlich fruchtbar, sowohl mit dem Umweltministerium, der Fischerei- und Forstbehörde und der Universität als auch mit der IUCN, dem WWF, dem Jersey Wildlife Preservation Trust, der Alliance Fran?aise und den Medien. Überall stieß man auf großes Interesse, da neben dem Naturschutz auch der ökonomische Nutzen für die Region um Toliara betont wurde. Die Schaffung eines auch touristischen Anziehungspunktes im Süden Madagaskars wäre für das ganze Land und die Natur dieser Region von Nutzen. Da die Finanzierung von ausländischen Organisationen übernommen würde, bliebe der madagassische Staatshaushalt unbelastet. Die Genehmigung zur Errichtung der Station wurde erteilt, und Beamte der Fischerei- und Forstbehörde begleiteten die SOPTOM-Mitarbeiter von Juli bis September 1998 in den Süden Madagaskars, um nach einer geeigneten Lokalität zu suchen. Die Suche erwies sich als schwierig, da man einerseits eine naturbelassenen Ort suchte, der andererseits allerdings gut von Toliara aus erreichbar sein sollte. Nichtsdestotrotz war man erfolgreich, und SOPTOM geht davon aus, dass die Schutz- und Zuchtstation etwa im Jahre 2003 in Ifaty, nördlich von Toliara, auf einem fünf Hektar großen Gelände eröffnen wird. Ab dem Jahr 2000 wird ein Einheimischer gesucht, der die Aufbauarbeiten vor Ort überwacht.

Kulturgeschichte
Pyxis arachnoides ist auf einer madagassischen Briefmarke neben einem Exemplar der Strahlenschildkröte (Astrochelys radiata) abgebildet. Namentlich bezeichnet ist allerdings nur letztere Art; OBST äußerte daher die Vermutung, der Zeichner habe die kleine Spinnenschildkröte irrtümlich als „Kind“ der größeren Strahlenschildkröte angesehen oder aber einfach eine Textzeile vergessen. Informationen zu diesem Thema finden sich auf folgender Homepage: http://www.cse.psu.edu/~riemer/turtstamp/

Haltung
War Pyxis arachnoides bisher in menschlicher Obhut ein eher seltener Gast, so nimmt die Zahl der von Privathaltern in Europa und den USA gepflegten Tiere in den letzten Jahren immer mehr zu. Die relativ langen Ruhezeiten, die die Art in der Natur einlegen, machen es recht schwierig, den Ansprüchen der Tiere unter Terrarienbedingungen gerecht zu werden. Die Anzahl der Haltungs- und erst recht Nachzuchterfolge nimmt sich daher bislang auch mehr als bescheiden aus. Die „dankbarste“ Unterart ist noch Pyxis arachnoides brygooi, da sie länger aktiv ist als die anderen beiden Unterarten. Die Haltungsrichtlinien des Bundeslandwirtschaftsministeriums stufen Pyxis arachnoides als eine nur für Spezialisten geeignete Schildkrötenart ein.
Die Bodenfläche des Terrariums kann mit Lehm modelliert und so eine kleine Landschaft mit Mulden und Hügeln geformt werden. Unabdingbar für eine artgerechte Haltung ist jedoch eine hohe Schicht (10-20 cm) lockeren Bodengrundes, in die sich die Tiere bei Bedarf völlig eingraben können. Der Bodengrund sollte daher über der „Lehmlandschaft“ aus einer hohen Schicht nicht zu groben Sandes und Kieses oder eines Gemisches aus Sand, Lehm, Lauberde, Buchenlaub und/oder Torfmoos bestehen, auf die man zusätzlich noch einige lose Rindenstücke und mehrere grobe Steine legt. Die Tiefe des potentiellen Eiablageplatzes sollte mindestens der halben Körperlänge des größten Weibchens entsprechen, das Substrat muss hier immer leicht feucht gehalten werden. Die Schildkröten benötigen hohe Tagestemperaturen (23-30 °C, unter dem Strahler lokal bis zu 45 °C) bei einer deutlichen nächtlichen Absenkung auf etwa 20 °C. Spotstrahler sorgen für die notwendige Strahlungswärme, eine Leuchtstofflampe für die Gesamthelligkeit. Eine Kalksteinplatte dient als Sonnenplatz. Durch eine zusätzliche Bodenheizung wird lokal eine sehr hohe Bodentemperatur von etwa 35-40 °C, unter dem Strahler lokal bis zu 45 °C, erreicht. Kühlere, schattigere Zonen im Behälter werden von den Tieren gerne aufgesucht; BASILES Exemplare hielten sich überwiegend dort auf. Das Einbringen eines kleinen, flachen Wassergefäßes ist möglich, bei ausreichendem Angebot frischen Grünfutters aber nicht unbedingt notwendig. Als Unterschlupf dienen künstliche „Höhlen“, die aus Holz gezimmert oder aus Steinaufbauten gefertigt werden; hierher ziehen sich die Tiere gerne zurück, zudem reizen Steinaufbauten zum Klettern.
HÖNIGSBERGER verwendet als Bodengrund in einem Drittel des Zimmerterrariums eine Sand-Lehm-Humus-Gemisch; dieser Teil des Terrariums ist u. a. mit Madagaskarpalmen und Kakteen bepflanzt und wird durch das Gießen der Pflanzen ständig feucht gehalten. Im restlichen Terrarium wird ein Sand-Lehm-Gemisch verwendet, wobei sich im mittleren Drittel eine Bodenheizung befindet, die eine Temperatur von lokal 40 °C erzeugt. Im trockenen Teil des Terrariums befindet sich außerdem noch ein Schutzhaus, in dem immer frisches Heu zur Verfügung steht. Schließlich befinden sich noch einige Wurzeln und eine Trockendistel als Sichtschutz bzw. Dekoration im Terrarium. Als Beleuchtung verwendet HÖNIGSBERGER  vier 58-W-Daylight-Leuchtstoffröhren der Firma Osram, die täglich zwölf Stunden brennen. Der feuchte Teil des Terrariums wird täglich zusätzlich zehn Stunden lang mit einem 70-W-HQI-Strahler beleuchtet. Im mittleren Drittel über der Bodenheizung befindet sich ebenfalls ein solcher Strahler, der ebenso zehn Stunden brennt; drei Stunden täglich wird außerdem ein 300-W-UltraVitaLux-Strahler zugeschaltet.
Die Haltungsrichtlinien des Bundeslandwirtschaftsministeriums sehen für die gemeinsame Haltung von bis zu zwei Exemplaren als Mindestlänge des Terrariums die vierfache Panzerlänge des größten Tieres vor; die Terrarienbreite sollte ca. die Hälfte der Terrarienlänge betragen. Für die dritte und vierte im gleichen Behälter gepflegte Spornschildkröte sollte mindestens 10 %, ab dem fünften Tier 20 % mehr Grundfläche zur Verfügung stehen. Da Spinnenschildkröten in der Regel untereinander sehr verträglich sind, ist eine gruppenweise Haltung möglich.
Eine Freilandhaltung kann nur in den Sommermonaten empfohlen werden, die klimatisch am ehesten der Regenzeit im natürlichen Lebensraum entsprechen. Die Freianlage muss über Sonnenplätze, ein möglichst beheizbares Schutzhaus und schattenspendende Gewächse verfügen. Da diese kleinen Schildkröten eine sehr verborgene Lebensweise führen und es unter Umständen schwierig sein kann, sie z. B. bei einem Temperatursturz schnell aufzufinden, sollte die Anlage sehr übersichtlich und nicht zu groß dimensioniert sein. HÖNIGSBERGER hält seine Tiere je nach Witterung von Mai bis September in einer nach Südosten gelegenen, ca. 10 m² großen Freianlage. Die Anlage liegt ab etwa 15 Uhr im Schatten, doch hatte dies offenbar keine negativen Auswirkungen auf die Schildkröten, die unter diesen Bedingungen hauptsächlich morgens, nachmittags und abends aktiv sind. Auch kühlere Temperaturen werden von HÖNIGSBERGERS Tieren problemlos vertragen; sie nehmen sogar regelmäßig Nahrung auf. Die Freilandanlage verfügt über ein teilweise mit einer Bodenheizung ausgestattetes, mit einem Gemisch aus Heu und Stroh gefülltes Schutzhaus, das von den Tieren allerdings selten aufgesucht wird, so dass HÖNIGSBERGER sie in kühlen Nächten dorthin bringen muss. Der mit der Bodenheizung ausgestattete Teil der Schutzhütte wird von den Tieren generell gemieden, doch lässt HÖNIGSBERGER sie zwecks Erwärmung der Luft eingeschaltet.
Die Tiere akzeptieren die übliche vegetarische „Landschildkrötenkost“, nehmen aber immer nur relativ kleine Mengen auf einmal zu sich. Im Zoo von Rotterdam und bei ZWARTEPOORTE werden die Tiere hauptsächlich mit Endivien, Chicorée und Karotten ernährt, im Frühling zusätzlich mit Äpfeln und Birnen, im Sommer auch mit Wildkräutern wie Löwenzahn, Klee, Wegerich und Gräsern ernährt. HÖNIGSBERGER füttert seine Tiere im Winter mit verschiedenen Blattsalaten, zweimal monatlich mit aufgetautem Tiefkühl-Frischgemüse und zwei- bis dreimal monatlich mit Ersatznahrung wie in Wasser eingeweichtem Chinchillafutter; vom Frühjahr bis zum Herbst erhalten die Schildkröten ausschließlich Gänseblümchen, Vogelmiere, Bärlauch, Disteln, Milchdisteln, junge Brennesseln, Sauerampfer, Löwenzahn, Klee, Weidenblätter, Opuntien und Mauerpfeffer. Außerdem werden ins Zimmerterrarium ständig unterschiedlichste Sämereien wie Kresse, Klee, Gras und verschiedene Getreidesorten eingebracht; so sind immer frische Keimlinge vorhanden, die von den Schildkröten gerne gefressen werden. Ganzjährig stehen den Tieren frisches Heu und geschabte Sepiaschale zur Verfügung; zwei- bis dreimal pro Woche streut HÖNIGSBERGER Vitakalk® und Korvimin® über das Futter. Andere Halter berichteten, Pyxis arachnoides bevorzuge Früchte als Nahrung. BASILES Tiere fraßen überwiegend in den Morgenstunden.
Die von OBST gepflegten Tiere behielten ihren jährlichen Aktivitätsrhythmus bei und vergruben sich von Dezember bis Mai zumeist im Sandboden und unterbrachen ihre Ruhepause nur selten; sie fraßen nur zwei- bis dreimal monatlich. Ab Mai waren die Schildkröten bereits frühmorgens aktiv und fraßen und tranken täglich; Paarungen fanden von Juni bis August statt. OBSTS Spinnenschildkröten erwiesen sich als sehr ortstreu und behielten ihre Versteck- und Schlafplätze über Monate bei. BASILES Exemplare tranken dagegen äußerst selten und vergruben sich, obwohl Sandboden vorhanden war, nie. Das regelmäßige Übersprühen des Bodengrundes mit Wasser schien den Schildkröten aber angenehm zu sein und erhöhte ihre Aktivität. HÖNIGSBERGERS Tiere baden sogar regelmäßig in dem ihnen stets zur Verfügung stehenden Wasserbecken.
Die Nachzucht dieser Art gelang in Privatterrarien und Zoos lange Zeit nicht. Mittlerweile liegen einige Berichte über diesbezügliche Erfolge vor, doch stellt dies immer noch eine Ausnahme dar. Die letzte umfassende Übersicht über die in Zoos gehaltenen Pyxis arachnoides stammt aus dem Jahre 1986; damals wurden in sieben Einrichtungen 13 Tiere gepflegt, wobei nur der Zoo von Leipzig Exemplare beider Geschlechter besaß. Ende der 70er Jahre fanden bei den beiden Pärchen im Zoo von Knoxville (Tennessee, USA) Eiablagen statt, doch erwiesen sich alle Eier als unbefruchtet; bis 1984 hatten nur die beiden männlichen Exemplare in Knoxville überlebt. Im Londoner Zoo konnte die Art dagegen bereits nachgezüchtet werden. In Madagaskar werden einige Tiere im privaten Berenty-Reservat bei Faradofay gehalten.
HÖNIGSBERGERS Tiere paaren sich sporadisch das ganze Jahr über, hauptsächlich jedoch nach dem Umsetzen vom Freiland ins Zimmerterrarium. HÖNIGSBERGER überbraust ab November das Zimmerterrarium täglich mit einer Gießkanne und ahmt so die Regenzeit nach; tagsüber hält er die Lufttemperatur auf 30, nachts bei 24 °C. Die Männchen beginnen meist direkt nach Einsetzen dieser „Niederschläge“ mit der Paarung; gleiches konnten auch MANFRED SCHMALZ und HENK ZWARTEPOORTE beobachten, denen ebenfalls die Nachzucht von Pyxis arachnoides gelang. Die Eiablagen erfolgen dann von Dezember bis März zwischen 16 und 19 Uhr und dauern vom Beginn des Grabens bis zum Zuscharren der Eigrube etwa drei Stunden. Zu 70 % werden Eigruben im Wurzelbereich einer Pflanze in der Übergangszone zwischen feuchter und trockener Zone gegraben; hier herrscht eine Bodentemperatur von etwa 25 °C. Laut HÖNIGSBERGER kann man eine bevorstehende Eiablage gut an einer deutlichen Gewichtszunahme des Weibchens feststellen. Wenn man die Tiere also regelmäßig wiegt, besteht nicht die Gefahr, dass einmal eine Eiablage übersehen wird; man ist dann nicht gezwungen, zur Kontrolle immer wieder den Bodengrund des Terrariums zu durchwühlen. HÖNIGSBERGER inkubiert die Eier bei 29-31 °C auf feuchtem Vermiculite oder feuchtem Sand in einem Brutapparat der Firma Jäger. Ein Jungtier schlüpfte nach 279 Tagen, nachdem HÖNIGSBERGER das Brutsubstrat mit Wasser befeuchtet hatte.
Regelmäßig gelingt die Nachzucht der Unterart Pyxis arachnoides brygooi mittlerweile auch im Zoo von Rotterdam und im privaten Terrarium des Reptilienpflegers des Zoos, HENK ZWARTEPOORTE. Im Jahre 1992 erhielt der Zoo fünf beschlagnahmte Spinnenschildkröten, drei Exemplare der Nominatform und ein brygooi-Pärchen. Die beiden Unterarten wurden, um eventuelle Bastardisierungen zu vermeiden, getrennt untergebracht, und aus Platzgründen entschied man sich 1995 dafür, sich im Zoo auf die Nominatform zu konzentrieren und die beiden brygooi bei ZWARTEPOORTE privat unterzubringen. Im Jahre 1997 schließlich erhielt ZWARTEPOORTE ein weiteres Weibchen von brygooi hinzu, der Zoo konnte jeweils drei zusätzliche Männchen und Weibchen der Nominatform erwerben. Sowohl im Zoo als auch bei ZWARTEPOORTE werden die Klimabedingungen, die die Art aus ihrem Verbreitungsgebiet gewöhnt ist, künstlich nachgeahmt. Während des europäischen Sommers beträgt die Tageslänge im Terrarium nur neun Stunden (im Zoo von 8-17, bei ZWARTEPOORTE von 13-22 Uhr; im letzteren Falle sind die Schildkröten ohne Tageslicht im Keller untergebracht). Beide Anlagen werden von 33-W-Leuchtstoffröhren beleuchtet, zusätzliches UV-Licht wird nicht angeboten. Von November bis April wird die Regenzeit simuliert, wobei die Behälter von Dezember bis Februar dreimal, im November und März nur einmal wöchentlich mit Wasser übersprüht werden. Den Rest des Jahres bleiben die Terrarien trocken. Während im Zoo ganzjährig gefüttert wird, legt ZWARTEPOORTE im Winter bei seinen Tieren eine zweimonatige „Fastenzeit“ ein.
Beide Unterarten legten bereits von Juli bis  Oktober und von Dezember bis Februar Eier ab, aber bis heute gelang die Nachzucht nur bei brygooi, wobei das erste Jungtier 1994 im Zoo nach 178 Tagen schlüpfte, zwei weitere 1996 bei ZWARTEPOORTE nach 208 bzw. 270 Tagen. Der Transport des ersten brygooi-Zuchtpaares vom Zoo in die Privatanlage ZWARTEPOORTES führte dazu, dass während einer zweijährigen Eingewöhnungszeit keine Eiablagen stattfanden. Die Weibchen setzten sowohl im Zoo als auch bei ZWARTEPOORTE jährlich ein einziges Ei ab, welches bei 30 °C auf leicht feuchtem, sehr grobem Vermiculite inkubiert wurde. Die Inkubation erfolgte in den ersten vier Monaten bei 30 °C, danach für sechs Wochen bei 26-27 °C, anschließend bei 31 °C. Nach sieben Monaten der Inkubation wurden die Eier mit Wasser besprüht, was unverzüglich den Schlupf der Jungtiere einleitet; ohne Anfeuchten erfolgte der Schlupf nach etwa neun Monaten (bei anderen Haltern sogar erst nach 400-420 Tagen). Die Aufzucht der kleinen Spinnenschildkröten gestaltet sich nicht besonders schwierig.
Laut HÖNIGSBERGER sind Jungtiere von Pyxis arachnoides sehr empfindlich und müssen unbedingt getrennt von den Alttieren gehalten werden, da sie ansonsten ihre Versteckplätze fast nicht mehr verlassen. Die kleinen Spinnenschildkröten erhalten das gleiche Futter wie ihre älteren Artgenossen, jedoch natürlich in fein zerkleinerter Form.

Literatur

Biologie und Gefährdung

Systematik und Taxonomie Haltung und Zucht